Weißes Papier

Eigentlich: "Ein weißes Blatt Papier"

Nicht mal das Meer darf ich wiedersehen

Wo der Wind deine Haare vermisst

Wo jede Welle ein Seufzer

Und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist

 

 Weißes Papier", Element of Crime

Für Lukas.

Dem ich schon in jungen Jahren  leidenschaftlich gerne die Bilder für den Kunstunterricht gezeichnet habe (...)

 

Mögest Du immer Rückenwind haben und stets Sonnenschein im Gesicht

und mögen die Schicksalsstürme dich hinauftragen, auf dass Du mit den Sternen tanzt.

Blow

 

(c) Miriam Gil
(c) Miriam Gil
(c) Miriam Gil
(c) Miriam Gil

„Herr Lehmann“ und „Lovin Candy“ -  zwei unterhaltsamer Roman für die grauen Tage  über einen unstrukturierten Alltag in der freien Marktwirtschaft , den leidenschaftlichen  Rausch und die tragisch scheiternde Liebe 

 

 

Vom Schlechten kann man nie zu wenig und das Gute nie zu oft lesen.

 

                                                                                   Arthur Schopenhauer, deutscher Philosoph

 

An dieser Stelle sollen zwei Romane vorgestellt werden, die lange Zugfahrten, Nachmittage im Cafe und auch das Einschlafen in diesen ungemütlichen Februartagen erleichtern und versüßen können. Mal mehr,  mal weniger exzessiv geht es um den Rausch. Während in“Lovin Candy“ das Heroin ganz und gar die treibende Kraft im Leben der Protagonisten ist wird in der Berliner Kneipenszene um Herrn Lehmann lediglich geraucht, Kümmerling und viel Bier gegen die Langeweile getrunken. Beide Bücher sind erfolgreich verfilmt worden. In der deutschen Produktion von Leander Hausmann zu Herr Lehmann aus dem Jahre 2003 ist die Hauptrolle mit Christian Ulmen besetze, daneben ist Detlev Buck mit 80er Jahre Perücke und leichtem Übergewicht an den Tresen zu sehen. „Candy-Reise der Engel“ hingegen ist eine australische Produktion von 2006 mit dem früh verstorbenen Heath Ledger als Junkie Dan und Abby Cornish als seiner zarten Gefährtin und großen Liebe Candy.

Frank Lehmann steht kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag und arbeitet in einer Kneipe in Kreuzberg. Zu seinen Stammkunden gehören Freunde und lose Trinkbekanntschaften. Man kennt sich: oft trifft man sich sogar schon an den Nachmittagen in der Markthalle, einem Restaurant eines Bekannten. Eines Tages wird dort eine etwas fülligere und sehr hübsche Köchin beschäftigt die sich sofort mit dem verkaterten Frank angeregt über die Ziele des Lebens und das Empfinden von Zeit streitet.

 

„Wenn es okay ist, daß hier Volldeppen bis 17 Uhr frühstücken, dann wird es ja wohl auch okay sein, um elf Uhr einen Schweinebraten zu bestellen.“ (45: 30)

Das Gespräch beeindruckt mehr als es nervt und bringt frischen Wind in die tristen Nachmittage: „Herr Lehmann seufzte und trank sein Bier aus. Dann bestellte er sich einen Kaffee. Der Tag war noch lang. Er hatte sich verliebt.“ (49: 28)

Frank wird diese Dame besser kennenlernen, sogar eine Affäre mit ihr eingehen. Eigentlich jedoch passiert nicht wirklich viel in dem Leben des Wahlberliners der zwar zufrieden mit seinem Job im Nachtleben scheint, aber auch verloren und hilflos gegenüber einer herkömmlichen Ordnung. Bei der schönen Katrin zu Hause verlässt ihn sogar kurzzeitig sein eigener Mut und er bekommt das Gefühl im Gegensatz zu ihr sein eigenes Leben nicht richtig auf die Reihe zu bekommen. Bei Katrin fühlt sich Frank unheimlich wohl:

„Bei ihr war alles perfekt. Die Einrichtung war liebevoll zusammengesucht , es hingen sogar Lampen von der Decke, es gab Vasen mit Blumen darin, sie hatte ein richtiges Bett, und alles war sauber und ordentlich, die wenigen, abere gepflegten Möbel paßten zueinander, und die Bücher standen ordentlich in einem Regal, das den Namen verdiente.“ (143:12)

 Katrin stillt den Hunger nach Liebe, neben dem allgegenwärtigen Durst nach Abwechslung und besserer Laune kündigen sich auch noch Franks Eltern für einen Besuch an:

 „Wir kommen nach Berlin! - Sie kommen nach Berlin, sie kommen nach Berlin dachte er und konnte es sich einfach nicht vorstellen. Darauf war Herr Lehmann nicht vorbereitet, das war ein harter Schlag. “ (26: 28) 

 

Herr Lehmann lebt alleine, weitgehend verantwortungsfrei und sehr selbstständig in Berlin, wenn er nicht gerade in die nächste Kneipe geht.

 

 

Oder was ganz anderes anfangen. Man könnte auch noch einen trinken, dachte er, irgendwo.

 

Vor Allem jedoch wird man Zeuge von einem unheimlich großen und ständigem ungebrochenem Alkoholkonsum.Während sich draußen ein donnerndes Gewitter entlädt und die Straßen mit zahlreichen dunkle Pfützen bedeckt scheint Franks Arbeitsalltag in der Kneipe ein wenig trostlos, die regnerische Nacht verleitet nur noch mehr zu trinken:

„Niemand kam und niemand ging, und das Gefühl, daß man jetzt gar nichts anderes machen konnte, als zu bleiben, wo man ist, und zu saufen, was das Zeug hält, hatte eine enthemmende Wirkung auf alle.“ (92: 20)

 Wie jeder Wirt haben Frank und seine Freunde auch mit unangenehmen Kneipengästen zu tun und es kommt zu einer Schlägerei. Die Geschichte spielt im Jahr des Mauerfalls, es gab noch kein Rauchverbot in den Kneipen, jedoch kommt es zu einer Handgreiflichkeit als sich ein Gast einen Joint vor den Augen von Erwin, Franks Chef anzündet und nicht gehen möchte. Es herrscht eine gewisse Angst vor der Polizei und dem Ordnungsamt. Das Leben an der Theke wird als anstrengend beschrieben, Frank schläft tagsüber lange und fängt immer sehr spät zu arbeiten an. Nur selten wird Wasser getrunken, obwohl Frank am Mittag auch gerne mal etwas anti-alkoholisches zu sich genommen hätte und sein bester Freund Frank sogar darauf besteht:

„`Denk an das Wasser.`

Kurz darauf am sein bester Freund Karl mit einem Weizenbierglas voll Leitungswasser.

`Das sieht ja ekelhaft aus`sagte Herr Lehmann `war das Glas auch richtig sauber?`

´Okay`sagte sein bester Freund Karl, `was willst du lieber trinken?` `

Weiß nicht. Pfirsichsaft?`

 

Haben wir nicht, Frank, das ist der einzige Saft, den wir aus irgendeinem Grund nicht haben.

Und du weißt das.`

`Ja nun, dann weiß ich auch nicht...`

`Frank, komm schon, hier ist die Karte, willst du einen Kaffee?`

`Nee. Hab ich schon zu Hause so viel von getrunken, lieber irgendetwas Erfrischendes. Irgendwie....Kirschsaft vielleicht?`

Bist du sicher, daß du Kirschsaft willst?`

`Naja, was weiß ich, also...`

Ìch bring dir mal ein Bier.`

 Àber nicht vom Faß, bloß nicht vom Faß.`

`Schon klar...`

Sein bester Freund Karl brachte ihm ein Beck`s, setzte sich ihm gegenüber und seufzte.“ (42: 21)

 

 

Sven Regener ist Sänger und Texter der Band „Element of Crime“  und lässt die Beziehung von Herrn Lehmann und Katrin in einer erzählten Realität scheitern, in der `die Liebe den Liebenden scheinbar ein Halt` wie das Glas Bier immer und bald.

 

Nicht mal das Meer darf ich wiedersehen
Wo der Wind deine Haare vermisst
Wo jede Welle ein Seufzer
Und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist

 

 

                                                           Weißes Papier, Element of Crime

 

Er hat mit seinem Roman ein Stück unterhaltsame Literatur geschaffen das durch die witzigen Dialoge an den immer gleichen ungepflegten Tresen brilliert. Nur das Hotelfoyer in dem Frank die Eltern in Berlin begrüßt und das Kreuzberger Freibad, in dem er sich mit Katrin, unfreiwillig auch mit nächtlichen Kneipenbekanntschaften und wieder einigen Flaschen Bier trifft, bilden eine Ausnahme. Sehr empfehlenswert, aber bei weitem harmloser gehalten als folgend tragischer Junkie-Roman von dem Australier Luke Davies: „Lovin Candy“.

 

 

'Cause it makes me feel like I'm a man
When I put a spike into my vein
And I tell you things aren't quite the same

When I'm rushing on my run
And I feel just like Jesus' son
And I guess that I just don't know
And I guess that I just don't know

                                   

 

                                                         „Heroin“ The Velvet Underground

 

„Candy hat unwahrscheinlich blaue Augen, wie ein Nebel, in den man sich reinsinken lassen möchte."

(9: 7)  Und sie ist wunderschön, hat ein wenig Geld und hat gerade Aitsch entdeckt. Als Dan und Candy sich kennenlernen und erstmal unsterblich ineinander verlieben weiß man noch nicht, dass die junge Frau später für Geld mit anderen Männern schlafen wird, dass unglaublich quälende Versuche clean zu werden den beiden körperliche Schmerzen zufügen werden und sie, obwohl Candy auf Grund von Untergewicht schon gar nicht mehr ihre Tage bekommt, sogar ein Baby verlieren werden.

 

Es gab gute und schlechte Zeiten, aber am Anfang waren die guten Zeiten häufiger.

 

 

„Es ist Sommer, und die Welt ist strahlend und gut – Mein Herz fühlt sich an, als würd es gerade zerspringen.“(16: 10)

 

 

 

Sven Regener : „Herr Lehmann“, erschienen im Goldmann Verlag 2003,

ISBN 978-3-442-45330-6, broschiert 285 Seiten

 

Luke Davies : „Lovin Candy“, erschienen im Knaur Verlag 1999,

ISBN 3-426-60870-7. broschiert, 382 Seiten

(c) Miriam Gil
(c) Miriam Gil