Karl Marx

 

Kritik des Kapitalismus

 

Schriften zur Philosophie, Ökonomie, Politik und Soziologie, hg. von Florian Butollo und Oliver Nachtwey, Berlin 2018 (Suhrkamp), brosch., 666 S., 30,-- EUR

 

Erschienen in Widerspruch, Münchner Zeitschrift für Philosophie www.widerspruch.com 

Nummer 66 "Transhumanismus" Juli 2018

 

 

 

200 Jahre wäre Karl Marx 2018 geworden. Thematisch sind deshalb viele Diskussionen, Publikationen und Veranstaltungen des diesjährigen Kulturbetrieb von seiner „Aktualität“ oder der Zurückweisung früherer Fehlurteile geprägt. Das Projekt der „Unsterblichkeit“ oder auch der „Reanimation der Toten“, das die sog. Transhumanisten gegenwärtig verfolgen, ist – im Falle von Marx leider – noch nicht ausgereift oder vollendet. Marx ist also und bleibt auch (vorläufig) tot; persönlich kann man ihn weder befragen noch zu Rate ziehen, geschweige denn mit ihm zu politischen Veranstaltungen gehen. Immerhin kann man ihn noch lesen, studieren  und seine Schlüsse aus dem Marxschen Texten ziehen, wenngleich beispielsweise biografische Werke zum Jubiläum feststellen wollen, er habe zu diesem unseren Jahrhundert und der modernen Welt nur wenig zu sagen. „Aber ist das wirklich so, bzw. ist es nicht genau umgekehrt?“ (9) In ihrem Vorwort zur vorliegenden Textsammlung schreiben die beiden Herausgeber: „Gründe, Marx im Original zu lesen, gibt es viele. Ein nicht ganz unwesentlicher lautet, dass Marx einfach ein ausgezeichneter Schriftsteller ist. (…) Die Untoten sind unter uns. Marx ist es auch – solange unsere Gesellschaft eine kapitalistische ist.“ (38) Wer an der Kritik der kapitalistischen Gesellschaft Interesse hat, dem bietet die vorliegende Sammlung, die Marx’ Werk natürlich nur in Ausschnitten repräsentiert, eine anregende Lektüre. Sie stellt dieses Werk in sechs großen Themenbereichen vor: erstens die „Philosophie der Praxis“, zweitens den „historischen Materialismus“, drittens die Beziehung von „Arbeit und Gesellschaft“, viertens die „Politische Ökonomie“, fünftens die Fragen der „Modernisierung und Globalisierung“, schließlich und sechstens die „Politische Schriften“. Im ersten Teil sind u.a. die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, die berühmten Thesen über Feuerbach und das Manifest der kommunistischen Partei aus dem Jahr1848 abgedruckt, allerdings unter editorischem Verzicht auf eine Reihe von Fußnoten, wie man beim Vergleich mit den entsprechenden „blauen Bänden“ bemerken kann. Im vierten Teil zur „Politischen Ökonomie“ findet sich u.a. das sogenannte „Maschinenfragment“ aus dem Jahre 1857. Wer es sich zu Gemüte führt, dem klären sich möglicher Weise einige Fragen zum Thema der „Digitalisierung“ und der „digitalen Revolution“. Der vorliegende Band will „zentrale Texte des marxschen CEuvres bereitstellen und dabei den Text selbst sprechen lassen.“(15) Nichtsdestotrotz wird jeder Teil mit ein paar Vorbemerkungen der Herausgeber versehen, - so heißt es bei „Modernisierung und Globalisierung“ als Leitfrage „Der Westen als Maßstab?“.

 

Und Marx wird zitiert: „Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eigenen Zukunft“ (423). Primärtexte in diesem Teil sind die (gerade heute wieder aktuelle) Rede über die Frage des Freihandels“ sowie die Texte über Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, Die britische Herrschaft in Indien, Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien oder die Rede über Polen. Außerdem ist der Entwurf einer Antwort auf den Brief von Vera Sassulitsch abgedruckt, den die Herausgeber als „Hintergrund“-Information bezeichnen, um die „geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“ besser begreifen zu können. Die russische Sozialistin hatte nachgefragt, ob jene „Negation der Negation“ – die Revolution – auch wirklich und mit Notwendigkeit vor der Türe stehe. Auf diese Frage gibt dann eine Stelle aus dem Kapital die gewünschte Antwort: „Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalistische Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigene Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation. Es ist die Negation der Negation.“ (Kapital Bd. 1, 791) Schon um diese Antwort im Zusammenhang zu begreifen, lohnt die Lektüre des vorliegenden Buches.

 

 

Miriam Gil

 

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Umfrage Graf-Gesellschaft 2014
Zur Umfrage unter den Mitgliedern der
Oskar Maria Graf – Gesellschaft im Jahre 2014
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