Studium Generale_Oskar Maria Graf

Oskar Maria Graf und seine Freunde in München

Ödön von Horváth und Oskar Maria Graf
 
Primärtexte: „Das Leben meiner Mutter“ und „Jugend ohne Gott“
 
Die Schriftsteller Ödön von Horvath (1901 – 1938) und Oskar Maria Graf (1894 – 1967) haben in ihrer Literatur das Bild von Bayern am Vorabend des Nationalsozialismus geprägt. Der eine war Geschichtenerzähler, der andere ein Bühnenautor.
(„Das Ende einer Dichterfreundschaft“ : 85 )


1. Ödön von Horváth und Oskar Maria Graf


Dichterfreunde - Weggefährten - Graf und die zeitgenössische Kunst


2. Lebenslinien: Freunde in München


Von Berg am Starnberger See und Murnau am Staffelsee in die Schellingstraße.
Exkurs: Berlin


3. Das Glaubensmotiv im „Leben meiner Mutter“ und „Jugend ohne Gott“


Vom bigotten Leben auf dem Land – vom Glauben an innere Werte im Klassenzimmer


4. Literatur auf dem „Scheiterhaufen der Geschichte“


Von Bücherverbrennungen und unliebsamer Kunst


5. Erzähltheorie : der Realismus bei den beiden Dichterfreunden


Von neuen Wegen zu Erzählen und dem Theater


Literatur:


* Gerhard Bauer: Oskar Maria Graf – Gefangenschaft und Lebenslust -Eine Werk-Biographie
Süddeutscher Verlag, München, ISBN 3-7991-63555-7
* Rororo Bildmonografie Oskar Maria Graf, Georg Bollenbeck ISBN 3 499 50337 9
* „Wir sind Gefangene“ von Oskar Maria Graf
* „Das Leben meiner Mutter“ von Oskar Maria Graf
* Ödön von Horváth: „Jugend ohne Gott“ - Suhrkamp Taschenbuch
*Jahrbuch der Oskar Maria Graf Gesellschaft 2010-11
ISBN 978-3-86906-164-1
Auszüge aus: Elisabeth Tworek: „Das Ende einer Dichterfreundschaft“
*Jahrbuch der Oskar Maria Graf Gesellschaft 2013-14
ISBN 978 – 3 -86906-683-7
*Jahrbuch der Oskar Maria Graf Gesellschaft 2015-16
ISBN 878 – 3 – 86906-958-6
Auszüge aus: Stefan Seidl : „Formen der (Selbst-) Inszenierung und Maskerade in Grafs autobiographischen Schriften am Beispiel des Kunstkritikers
* Widerspruch, Münchner Zeitschrift für Philosophie
„Räterepublik in Bayern“ Nummer 67
ISSN 0722-8104

In den gewöhnlichen, alltäglichen Geschichten, unter der Oberfläche von Verhaltensweisen, in denen wir uns leicht zurechtfinden und gern - manchmal auch ungern - wiedererkennen, sind die eigentlichen Entdeckungen zu machen. 

Oskar Maria Graf ist heute kein Unbekannter mehr. Seine Romane, Erzählungen und autobiographischen Schriften erscheinen in zwei Werkausgaben, inzwischen sechzehn und zwölf Bände, und als Taschenbücher. Immer mehr Werke werden verfilmt. 

Nachdem er lange genug tot ist und keinem mehr widersprechen kann, wird er auch offiziell geehrt. (...) 

Meine Mutter weinte stets auf meine Lamentationen und sagte verdrossen: "Wenn bloß ein einzig`s mal Ruhe wär." 
Aber - es mußte doch etwas geschehen! Es mußte was geschehen! 

Wir sind Gefangene (27)

 

 

Backstube und Ofen wurden zur rechten Zeit fertig. Aus dem hohen, noch nicht mit Mörtel beworfenen Kamin stieg wieder jeden Tag der dicke Rauch in den Himmel. Unser Vater triumphierte. Die eintreffenden Sommergäste bekamen wie immer in der Frühe die frischen Semmeln und Wecken ins Haus geliefert. Wie neubelebt arbeitete wieder unsere ganze Familie einträchtig zusammen. 

Das Leben meiner Mutter (298)

Graf fühlte sich beim Militär ziemlich einsam. Er kam zwar mit den Zwangskameraden gut aus und war wohlgelitten. "Hier haben mich alle herzlich gern" , schreibt er nach dem ersten Lazarettaufenthalt. Sie zanken viel untereinander, "aber zu mir kommen sie wie Kinder." 
Doch als geistiger Mensch mit seinen Problemen, vor allem in seiner Auseinandersetzung mit dem Krieg, stand er allein.
Er fand nirgendwo draußen einen Gesprächspartner, fast keine Resonanz. Er fühlte sich im Stich gelassen von den intellektuellen, ihm überlegenen Freunden. 

Gefangenschaft und Lebenslust (75)

(c) Miriam Gil
Grafik (c) Miriam Gil

(...) Sie hatten nicht zusammengehalten, sich nicht gegenseitig vor dem Zugriff des Militärs geschützt. 
Sie hatten sich sogar - die lautesten Pazifisten zuerst - freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. 
Am Ende des Krieges fällte er das generelle Urteil: 
Die Intellektuellen haben vor dem Krieg und dem Chauvinismus kapituliert. Sie sind dadurch mitschuldig an dem Menschenmord. Sie sind sogar, weil andere auf sie gehört und ihnen vertraut haben, "die größten Verbrecher".
Später kam er immer wieder, sooft er mit Intellektuellen zu tun hatte, auf dieses ihr Versagen zurück. Er verzieh es ihnen nie.

Gefangenschaft und Lebenslust (75)

Gegen jeden Krieg zu arbeiten, sich jedenfalls an keinem Krieg zu beteiligen, diese Konsequenz zog Graf aus seinen Kriegserfahrungen. Als seine Genossen eine rote Armee bildeten und München gegen den weißen Terror verteidigten, war er zwar an vielen Stellen zugegen, aber nur als Beobachter; er rührte keine Waffe an. Als die entschiedensten Kämpfer gegen den Faschismus, nicht wenige Schriftsteller darunter, der Spanischen Republik zu Hilfe eilten, hat er, der in jeder anderen Hinsicht zu den Entschiedensten gehörte, nie mit dem Gedanken gespielt mitzugehen. In große Verwirrung wurde er im Zweiten Weltkrieg gestürzt, als er feststellen mußte, daß der Sieg über Hitlers Schreckensherrschaft nur mit Waffengewalt möglich war. Er hat sich für die kämpfenden Alliierten ausgesprochen (eine aktive Beteiligung wäre für ihn als Staatenlosen sowieso nicht in Frage gekommen), aber mit wesentlich mehr Skrupeln als die meisten Mitemigranten. Daß er schließlich Amerika nicht mit der Waffe verteidigen wollte, daß er sich mit aller Leidenschaft gegen den Vietnamkrieg einsetzte, stand in den Gedanken und Aktionen seiner letzten zwanzig Lebensjahre obenan.

Gefangenschaft und Lebenslust (84)

frei nach Cover "Wir sind Gefangene" dtv (c) Miriam Gil
frei nach Cover "Wir sind Gefangene" dtv (c) Miriam Gil

Aus der Reihe Literaturtipps (II) 

I got to stay forever here - Where their voices I can hear - In the bush in Mexico

B. Traven "Abenteuergeschichten" 

Der weltberühmte Autor B. Traven galt bis zu seinem Tod im Jahre 1969 in Mexico City als der "rätselhafteste Pseudonymus des 20. Jahrhunderts" (...) 

 

 

Einer der ersten Bewunderer und Förderer Travens war Kurt Tucholsky: 

"Traven ist ein episches Talent größten Ausmaßes....von der fast unglaublichen Fülle und Dichtigkeit des Witzes, des Humors...Es trifft alles, was er sagt: die Kritik an dieser Zivilisation, der Hieb -alles...das hier ist Arbeiterkunst, Kunst weil sie gewachsen ist und destilliert durch die Persönlichkeit eines großen Erzählers..."Traven! Der deutsche Jack London!"

frei nach Cover "Das Totenschiff" (c) Miriam Gil